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an der Orgel: Pater Christian Rolke C.M.

„Eine Historische Reise durch die Jahrhunderte“
mit Erläuterungen zu Musik und Geschichte

an der Orgel: Pater Christian Rolke C.M.

Samstag, 10. Dezember 2016, 18.00 Uhr, Evangelische Kreuzkirche

 

 

Unsere neue MIDI - Orgel

Über vier Monate Transport brauchte es, bis eine große Kiste für uns in Addis Abeba eintraf. Jetzt muss sie noch auf einen Pick-up und dann von vier kräftigen Menschen auf die Empore gewuchtet werden. Ein bisschen Elektronik- und Softwarearbeit, bis Anfang Dezember sollte sie spielbereit sein, unsere neue Orgel.

Wieso  nur ein kleiner Pick-up? Warum nur vier Leute?

Unsere neue Orgel hat vieles, was viele Organisten sich nur wünschen können. Drei Manuale, ein Pedal mit 30 Tasten, Handpistons und zwei Fußpistons, zwei Schweller und ein schönes breites Notenpult. Sie hat einen Spieltisch modernster Bauart.

Was sie allerdings nicht hat, sind Pfeifen. Die Tonerzeugung wird elektronisch vorgenommen. Wer dabei an die gute alte Wersi-Orgel aus den sechziger Jahren denkt, ist schief gewickelt. Die moderne Klangerzeugung genügt hohen Ansprüchen. Klangbeispiele werden von berühmten Orgeln abgenommen, von jeder Pfeife einzeln. Die Umwandlung in digitale Signale (Samplen) ist eine Wissenschaft für sich. Dann werden sie so nachbearbeitet, dass nur Fachleute wirklich einen Unterschied hören. Lange schon sind die sogenannten MIDI – Orgeln ihrer Kinderstube entwachsen und erfreuen Sonntag für Sonntag zufriedene Gemeindeglieder.

Immer mal wieder haben Organisten an unserem elektrischen Klavier gespielt. Das ist aber nicht gut dafür geeignet, Orgelwerke von Bach, Buxtehude oder aus der jüngsten Zeit wiederzugeben. Reisenden Musikern können wir jetzt ein ordentliches Instrument auch für das Spielen von anspruchsvoller Literatur bieten.

hauptwerk02 400pxIm Spieltisch werkelt ein schneller Computer mit ausgefuchster Soundkarte. Die ist zur Zusammenarbeit mit der Software „Hauptwerk“ optimiert und erlaubt es Orgeln der unterschiedlichsten Art zu simulieren. Es wäre keine besondere Kunst, in unserer Kreuzkirche eine Orgel mit mehr als 100 Registern erklingen zu lassen. Aber es wäre natürlich alberne Angeberei. Deshalb haben wir uns für eine zurückhaltende Konfiguration entschieden: St. Georges Casavant dry. Wer will, kann sie ja im Internet schon mal probehören.

Orgel und Computer sind einfach zu bedienen. Ein Touchscreen sorgt dafür, dass alle Bedienelemente im Computer gut erreichbar sind. Ein Clou ist, dass das Musikinstrument mit einem Laptop fernbedienbar ist. Der virtuelle Organist kann mitten in der Gemeinde sitzen und von dort die Choralbegleitung starten.

Das wird in Zukunft wohl öfter nötig sein. Unsere langjährige Organisten Valentina hat darum gebeten, nicht mehr jeden Sonntag spielen zu müssen. Wer sie kennt, weiß, dass sie gerne für unsere Gemeinde spielt und ihr Herz an den Gottesdiensten hängt. Aber das Alter macht auch ihr zu schaffen, sie braucht mehr Ruhe an den Wochenenden. Ein Ersatz ist noch nicht gefunden. Wir brauchen eine Lösung für eine Übergangszeit.

Die Gemeinde konnte ja schon einige Erfahrung mit „MIDI-Gottesdiensten“ gewinnen, insgesamt ist die Rückmeldung positiv. Natürlich ist es nicht dasselbe wie ein Mensch, der uns den Gottesdienst musikalisch gestaltet. Manchmal ist die Liedbegleitung noch zu schnell, sind die Harmonien zu verwirrend. Aber auch darin werden wir mit der Zeit mehr Erfahrung gewinnen.

Ein bisschen ein Nadelöhr ist unsere Lautsprecheranlage. Sie ist zur Wiedergabe von Sprache oder zum Beispiel Filmen gut geeignet, für eine Orgel ist sie ein bisschen schmalbrüstig. Viele Orgeln sind dafür bekannt, das Frequenzspektrum von 10-20.000 Hz mühelos abdecken zu können. Die Bandbreite dieses Kircheninstruments ist unerreicht, das macht wohl auch einen guten Teil seiner Faszination aus. Ein gutes Orgelkonzert mit einer wohl intonierten Orgel in einem Kirchenraum mit guter Akustik ist sicher nicht nur für fromme Menschen eine Wohltat für Leib und Seele. Die Zukunft wird zeigen, was mit der neuen Technik in unserer Kreuzkirche möglich ist.

Das ganze wäre nicht bezahlbar gewesen ohne den großzügigen finanziellen Einsatz eines katholischen deutschen Seelsorgers, der ungenannt bleiben will, uns aber am Samstag, den 10. Dezember um 18:00 Uhr ein Orgelkonzert spielen wird. Wir können glücklich sein, dass unser evangelisches Gotteshaus dank katholischer Hilfe eine deutliche musikalische Aufwertung erfährt. Ein schönes Zeichen dafür, dass die jahrzehntealte ökumenische Tradition hier vor Ort weiterlebt und gepflegt wird und sich entwickelt. Wir können wirklich dankbar sein.

Vielleicht tragen ja der neue Spieltisch, die Software und der gute Klang dazu bei, dass Menschen bei uns beginnen, Orgel zu lernen. Meines Wissens haben wir mit dem neuen Spieltisch, der Software und der Hardware die einzige funktionierende Orgel in ganz Addis Abeba. Die Orgel in der katholischen Kathedrale ist leider nicht spielbar. Ich bin  gespannt was passiert, wenn wir Klavierstudenten unseres Nachbarn, der Yared Music School, mal zeigen, dass man auf drei Tastaturen spielen und zudem auch die Füße benutzen kann. Vielleicht hat ja auch der ein oder andere Lust, dann auf dem Instrument mit langer Tradition, Unterricht zu erhalten?

Im Dezember jedenfalls gibt es die neue Errungenschaft unserer Gemeinde mehrfach zu hören. Zum Beispiel im Orgelkonzert am 10. Dezember um 18:00 Uhr, im gemeinsamen evangelisch-katholischen Gottesdienst am Sonntag, 11. Dezember um 10:15 Uhr. Alice Jacobi, die eine langjährige Orgelausbildung in Deutschland erhalten hat, spielt uns die Weihnachtsgottesdienste.

Karl Jacobi