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Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien

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Deutsche Gemeinde für Addis Abeba – „Suchet der Stadt Bestes“

jugendgottesdienst 02 200pxGottesdienste mit äthiopischen Jugendlichen 2009 – 2013

 

Es war während der Begegnung mit einer Sandhausener Schülergruppe im Frühjahr 2009, als die Idee zu einem gemeinsamen Jugendgottesdienst aufkam. Aber was könnte deutsche und äthiopische Jugendliche gemeinsam interessieren? Wir luden als Gast einen Sportler ein - natürlich einen Langstreckenläufer: Richard Nerurkar, Brite mit indischer Abstammung. Er war der Manager von Haile Gebreselassie, zugleich war er engagierter Christ und Mitarbeiter in St. Matthews, unserer anglikanischen Nachbargemeinde. Er selbst war einst der fünftschnellste Mann der Welt gewesen, bei der Olympiade in Atlanta hatte er knapp eine Medaille verfehlt. Das Interview mit Richard über Siege und Niederlagen, über Glaube und Zweifel war sehr bewegend und wurde von den anwesenden Jugendlichen mit wachem Interesse verfolgt. Auch sonst war die Atmosphäre mit musikalischen Darbietungen und mit Gebeten in verschiedenen Sprachen herzlich und einladend. Das Ganze machte Lust auf mehr, mit einem Wort: Der Jugendgottesdienst war geboren!

Die deutschen Schüler waren bald wieder abgereist, aber das Projekt Jugendgottesdienst ging weiter. Meine Frau Sabine, auch zuständig für die jährliche Schülerbegegnung, nahm es mit Freude in die Hand. Sie traf sich mit Merdassa Kassaye, der auch heute noch Sozialarbeiter an der GCS ist, und mit Pastor Thorsten Schuerhoff, einem jungen Hermannsburger Theologen, der zu der Zeit im Youth Department der Mekane Yesus Kirche mitarbeitete. Gemeinsam entwickelten sie ein Modell, das auf ökumenische Weite, Partizipation und kulturelle Interaktion ausgerichtet war. So kam es, dass in der Kreuzkirche über einen Zeitraum von fast vier Jahren an jedem zweiten Freitagabend ein Gottesdienst mit jungen Leuten gefeiert wurde.

Ökumenische Weite: Eigentlich als Treffpunkt für deutsche und äthiopische Jugendliche gedacht, entwickelte sich der Jugendgottesdienst recht bald zu einem vornehmlich englisch- und amharisch sprachigen Event. Die wenigen deutschen Jugendlichen in Addis zogen am Wochenende häufig andere Aktivitäten vor, es blieben aber - und es wurden immer mehr - die äthiopischen Jugendlichen. Vielfalt entwickelte sich somit in einer anderen Richtung: Die Kreuzkirche wurde zunehmend der Ort, an dem protestantische und orthodoxe Jugendliche gemeinsam Gottesdienst feierten. Dazu muss man wissen, dass Jugendliche mit äthiopisch-orthodoxem Hintergrund den häufig eindringlichen Stil evangelikaler Gemeinden scheuen und sich daher nur schwer in einen protestantischen Gottesdienst einladen lassen. Umgekehrt haben Jugendliche aus protestantischen Kirchen enorme Vorbehalte gegen alles Orthodoxe. Jetzt aber ließen die einen sich traditionelle Gesänge und Tänze und sogar mitunter einen orthodoxen Priester als Prediger gefallen, die anderen hörten einem Jugendchor mit Anbetungsliedern zu und lauschten einem Prediger der Mekane-Yesus-Kirche. Auch einige muslimische Jugendliche nahmen gern und regelmäßig an den Abenden teil.

Partizipation: So sehr immer wieder interessante Gäste für Interviews, Predigten und Präsentationen unterschiedlicher Art eingeladen waren (kennen Sie etwa den äthiopischen „Mr. Laughter“?), so wichtig war es den Initiatoren, die Jugendlichen selbst in Vorbereitung und Durchführung der Gottesdienste mit einzubinden. Es entstand ein Theater-, ein Technik-, ein Musik- und ein Verpflegungsteam. Alle wussten um ihre Verantwortlichkeiten und nahmen ihre Aufgabe ernst. Schon bald konnten wir uns darauf verlassen, dass die Mikros und der Verstärker jeweils eingerichtet waren und die Verpflegung funktionierte. Viele Erdnuss- und Marmeladebrötchen wurden geschmiert, manchmal auch Hackfleischfüllung angeboten – all das musste beim anschließenden Snack im Gemeindesaal gerecht verteilt werden.

Natürlich ging das Leitungsteam auch Risiken ein und erlebte Überraschungen. Etwa als eine Gruppe Jugendlicher aus dem sehr armen Stadtteil Shiromeda unbedingt das Krippenspiel einstudieren wollte. Gleich bei der ersten Probe kam uns die Sache verdächtig vor. Als ich die Kirche betrat, würgte ein Bengel gerade das Jesuskind, die Lieblingspuppe unserer Tochter. Ein anderer hatte sich bereits über die Brötchen hergemacht und wieder andere lieferten sich einen Fechtkampf mit den Hirtenstöcken. Ein hochgewachsener Jugendlicher mit Irokesen-Haarschnitt zwängte sich gerade ins Engelgewand. Er ließ sich später überzeugen, doch lieber den Herodes zu spielen, und am Ende war es dann wie bei den Herdmanns – wir haben selten ein so bewegendes Krippenspiel erlebt!

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Soziales Lernen und kulturelle Interaktion: Schülerinnen und Schüler der German Church School waren natürlich die zunächst eingeladene Zielgruppe. Immer wieder nahmen auch einzelne Lehrerinnen und Lehrer teil oder übernahmen sogar einzelne Aufgaben. Zunehmend sprach die Sache mit dem Freitagabend (und gewiss auch die mit den Brötchen und dem Tee) sich in der Umgebung herum. Das Ergebnis war, dass auch jugendliche Gäste am Gate um Einlass baten, die nicht zur Schulgemeinschaft gehörten. Etwa die Listros, die jungen Schuhputzer, oder die eben genannten Jugendlichen aus Shiromeda. Die Begegnung so unterschiedlicher Jugendlicher war nicht immer frei von Konflikten, zugleich bot sie aber ein breites Handlungsfeld für soziales Lernen, für das Einüben von Toleranz und gegenseitigem Respekt. Unsere Schüler wurden daran erinnert, dass es auch andere Jugendliche gab, die nicht das Privileg eines Schulbesuchs an der GCS hatten. Solche wie die damals 16-jährige Messai, die regelmäßig auf zwei Krücken („Gehhilfen“ wäre wirklich zu vornehm ausgedrückt) über mehrere Kilometer gelaufen kam, um am Jugendprogramm teilzunehmen. Sie lebte bei ihrer Großmutter, die mit ihren achtzig Jahren noch die schweren Eukalyptusbündel vom Entoto-Gebirge runter in die Stadt schleppte, um ihre Enkel zu ernähren. Die anderen Jugendlichen fanden das Mädchen „gobez“, stark. Sie bewunderten, wie unkompliziert und tapfer sie mit ihrer Behinderung umging.

Mit der Zeit entstand nicht zuletzt aus den Kontakten des Jugendgottesdienstes ein Ausbildungsprogramm, für das auch Sponsoren gefunden wurden. Etliche Jugendliche haben es auf diese Weise inzwischen zu einem qualifizierten Abschluss gebracht. Das alles war von Anfang an nicht so geplant gewesen, aber es ergab sich das eine aus dem anderen. Etwa auch ein jugendgemäßer Glaubenskurs an Samstagnachmittagen, angelehnt an das Emmaus-Kursprogramm der anglikanischen Kirche, teilweise ins Amharische übertragen und begleitet vom Sozialarbeiter. Auch lebenspraktische Themen wie Freundschaft, HIV/Aids, Umgang mit Geld oder ein Nachmittag mit Spieleparcours. Dazu kamen mehrere Exkursionen, an denen auch Jugendliche teilnahmen, die nicht zur GCS gehörten, jedoch mit Ausdauer und Treue mitarbeiteten. Manche kamen so zum ersten Mal aus den Stadtgrenzen heraus und lernten Orte wie Sodere oder Debre Libanos kennen.

Als unsere Zeit in Addis zu Ende ging, war auch das Jugendprogramm an einen Punkt gekommen, wo wir es nicht mehr weiterführen konnten. Alles hat seine Zeit, aber dies war eine besonders wertvolle Zeit. Wir haben nicht gezählt, wie viele junge Äthiopier so auf eine ermutigende und frische Art und Weise mit dem Evangelium in Berührung kamen. Nach dem Motto „Suchet der Stadt Bestes“ war uns einfach wichtig, ein Signal in die Umgebung auszusenden. Auch an die, die nicht das Glück hatten, bereits als junge Menschen unsere Kirchenschule zu besuchen: Euch allen gilt Gottes Liebe und seine Zuwendung. Nehmt einander in aller Verschiedenheit als gleichwertige Menschen wahr. Als Menschen, die Gott beruft und wertschätzt und die er beauftragt, seine Welt mitzugestalten.

Martin Gossens

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