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Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien

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Gemeinde unter Druck

kreuzkirche kreuz 01Ein Beitrag zum 50-jährigen Bestehen der Evangelischen Kreuzkirche mit ihrem Sozialwerk

Die Jahre 1976 und 1977 waren besonders schwierige Zeiten in der kurzen Geschichte der „German Church“, wie sie im Volksmund genannt wurde. Das zehnjährige Bestehen der Kreuzkirche (26.6.1976) war unter den herrschenden Umständen kein Anlass zu großer Feierlichkeit. Aber ein kleines Gemeindefest haben wir auf dem Kirchengrundstück dennoch gefeiert – auch als Zeichen unserer Präsenz. Dass in diesen Jahren die Existenz der Gemeinde und des Sozialwerkes durch die Äthiopische Revolution bedroht war – aber die Programme trotz allem weiter stattfinden konnten, darüber legen die Jahresberichte Zeugnis ab.

In den Einleitungen ist zu lesen:

„Dass zu dieser Zeit (1976) und an diesem Ort – angesichts der Unruhen und Wirren im Lande – ein lückenloser Bericht über das Leben und Wirken in Gemeinde und Sozialwerk vorgelegt werden kann, darf nicht für selbstverständlich gehalten werden, dafür ist zu danken ...und zu beten.“ Und 1976: „Im Rückblick auf ein wiederum unruhiges Jahr – unruhiger als das vorangegangene – sollen die nachteiligen Auswirkungen auf das Gemeindeleben gleich vorangestellt werden: Rückgang der Gemeindegliederzahlen auf ein Minimum – Ausfall von Veranstaltungen – Einschränkungen im täglichen Leben. Dem gegenüber ist aber hervorzuheben, dass im Sozialwerk alle Programme uneingeschränkt und unbehindert weitergelaufen sind.“

Den heutigen Leser wird es verwundern, dass mitten in einer schweren Krise nur andeutungsweise über den Druck, der auf der Gemeinde lag, geschrieben wurde. Aber Vorsicht war geboten, weil alles, was gesprochen und geschrieben wurde, beim „Staatssicherheitsdienst“ (betrieben von der DDR) landen konnte. Für offene Kommunikation im Klartext mussten Botendienste von Freunden oder der Botschaft in Anspruch genommen werden. Ein kleines, gut funktio¬nierendes Netzwerk konnte aufgebaut werden, auch zum Nutzen für äthiopische Kirchenführer in Gefahr. Jegliche Form von Opposition wurde vom Derg als Widerstand interpretiert und militärisch verfolgt. Einrichtungen, die im Verdacht standen, Oppositionellen Unterschlupf oder Unterstützung zu bieten, wurden von Truppen durchsucht und Festnahmen vorgenommen. Das geschah auch Ende September 1975 auf dem „Compound“ der Kreuzkirche mit einer Gruppe von Gewerkschaftlern, die sich über das Sozialwerk informieren wollten. Sie wurden vor unseren Augen verhaftet.

Kreuzkirche Tueren 01In der Militärregierung und den meisten Truppenteilen brachen ideologische Machtkämpfe aus, die besonders in der Hauptstadt bürgerkriegsähnliche Formen annahmen. Wegen seiner Nähe zur früheren Palastanlage, dem Zentrum des Derg, war unser Stadtteil besonders heiß umkämpft. Während solcher Kampfhandlungen schickte die Botschaft im Januar 1976 eines Abends ein gepanzertes Fahrzeug, um die Pfarrfamilie in Sicherheit zu bringen. Dieses Angebot nahmen wir nicht an, weil es eine Evakuierung hätte bedeuten können. Für unsere Sicherheit verließen wir uns darauf, dass Äthiopier aus der Nachbarschaft, denen das Schulprogramm viel bedeutete, sich für uns bei der Kebele einsetzen würden, deren Kadres ja ebenfalls von der German School profitierten.

Im April 1976 fand die „Palastrevolution“ auf dem Gelände des Alten Gibi statt – so laut, dass die Schussfolgen auf unserem Grundstück zu hören waren. Colonel Mengistu Haile Mariam ging als Alleinherrscher aus den Gefechten hervor. Der von ihm vertretene Leninismus-Marxismus setzte sich als alleinige Staatsdoktrin durch. Ein Programm für die Einheitspartei wurde abgefasst und lautstark propagiert. Die Yared- Music-School neben der Kirche wurde Agit-Prop-Center mit lärmendem Getöse, Tage und Nächte hindurch. „Socialistic Motherland or Death“ hieß die Parole für die Säuberungsaktionen des Roten Terrors gegen den Weißen Terror.

Als hätte sich nicht schon genug Unheil im Land verbreitet, setzte im August 1977 die Generalmobilmachung zur Rückeroberung der von Somalia im Ogaden annektierten Gebiete ein. Die neuen Verbündeten Russland, Kuba, DDR kamen mit Truppen und Waffen ins Land. Auf den ehemaligen „Kaiserwiesen“ direkt neben der Kreuzkirche entstand ein riesiges Militärlager, fanden die Aufmärsche der Truppen statt und auch das sog. „Lumpenproletariat“ wurde dort „umerzogen“, trainiert und von dort in Bussen in die Kriegsgebiete verfrachtet.

Weniger spektakulär nach außen, aber folgenreicher nach innen verliefen die Verstaatlichungen und Enteignungen von Banken, Betrieben und öffentlichen Einrichtungen. Als Beispiel seien hier genannt der Sender „Radio Voice of the Gospel“ (März 1977), die Deutsche Schule (Jan.1978), verschiedene Protestantische Kirchen (1977-1978), bei denen Mitglieder der Gemeinde als Mitarbeiter beschäftigt waren und das Land verlassen mussten.

Die Auswirkungen auf das Gemeindeleben sind am deutlichsten am Rückgang der Gemeindegliederzahlen zu erkennen. Anfang Januar 1978 war das theoretische Minimum von 50 stimmberechtigten Mitgliedern bereits um sieben unterschritten und löste Alarmglocken aus. Die EKD ließ uns wissen, das hätte gar keine Konsequenzen, was für alle „Durchhaltenden“ beruhigend war. Für den Fortbestand von Auslandsgemeinden in Krisengebieten gäbe es eine solche Mindestzahl nämlich nicht. Die Erfahrung lehre: „Macht man erst dicht, macht man nicht wieder auf.“


Der Ausfall von Gemeindeveranstaltungen war hauptsächlich auf die für jeden Tag neu festgesetzten Ausgangssperren zurückzuführen. Manchmal wurde auch der Ausnahmezustand erklärt, so dass tagelang gar nichts stattfinden konnte. Durch spontane Verabredungen für „Hauskreise“ war ein begrenztes Gemeindeleben auch dann möglich.

Es bedarf keiner besonderen Fantasie, um sich vorzustellen, dass unter diesen Lebensumständen die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen besonderen Schwierigkeiten unterlag. Nicht nur für die privaten Haushalte, sondern auch für die Gemeinde und das Sozialwerk dauerte es manchmal Wochen und unzählige Fahrten.

Dennoch konnte im Bericht für 1977 aufgenommen werden, „dass im Sozialwerk alle Programme uneingeschränkt und unbehindert weiter gelaufen sind“. In sechs Klassen der Schule (als Privatschule registriert und anerkannt) wurden 246 Kinder beschult, 80 Frauen erhielten Abendkurse, 92 Arbeitslose und Tagelöhner nahmen am Alphabetisierungsunterricht teil. So wurden insgesamt 418 Menschen durch das Nachbarschaftsprogramm erreicht.

Im Blindenzentrum wurden darüber hinaus 303 Menschen gefördert – in den Teppichwerkstätten, dem Ausbildungsprogramm für blinde Bettler, dem Stipendienprogramm für blinde Studenten. Insgesamt besuchten damals 721 Äthiopier und Äthiopierinnen das Sozialwerk. Entsprechend groß war der Bedarf an Reparaturen, Renovierungen, Ausstattungen und Erweiterungen nach kleinsten Anfängen.

Die erfreuliche Konsolidierung des Sozialwerkes ist das Ergebnis von harten Verhandlungen mit den Vertretern der örtlichen Kebele und den übergeordneten Behörden.

Zu erwähnen sind auch die nicht einfachen Verhandlungen mit den Sponsoren „Brot für die Welt“ und „Christoffel Blindenmission“ zur Fortsetzung der Förderung der Projekte. Während der Vakanz in der Leitung (1974-1975) waren Projektmittel zweckentfremdet in den laufenden Haushalt geflossen. Die Rückforderung der Mittel, die eine Insolvenz ausgelöst hätte, konnte zum Glück vermieden werden. Für die Finanzierung des Schulprogramms war es von großer Bedeutung, Kindernothilfe Duisburg als Partner zu gewinnen.

In den Berichten ist nur in Schlagzeilen zu lesen, welche Vorkehrungen für den Notfall Pfarramt und Kirchenvorstand getroffen haben. Einige seien hier genannt:

•             Deponierung aller wichtigen Urkunden zu Land und zu Gebäuden der Gemeinde in der Botschaft

•             Vertraulicher Informationsaustausch mit der Botschaft

•             Regelmäßige Absprachen mit den zuständigen Leitungspersonen der EKD

•             Enge Zusammenarbeit mit den örtlichen christlichen Kirchen und internationalen Gemeinden

•             Abschluss eines Assoziierungsvertrags (1978) mit der Mekane Yesus Church – Verhandlungen mit der Cooperative Union for the Blind zur Übernahme und Verselbständigung des Blindenzentrums.

Kreuzkirche Weihnachtsfeier 01

Ein Notfall ist – Gott sei Dank – nicht eingetreten. Alle vorkehrenden Schritte hatten sich als richtig erwiesen und wirken zum größten Teil bis heute nach. Für die Bewahrung hat die Gemeinschaft der wenigen Mitglieder und vieler Freunde Gott täglich gedankt und für Frieden im Lande Fürbitte gehalten.

In diesem Kontext war das Aus- und Durchhalten ein Ergebnis vieler Gewissensentscheidungen vor Gott und den uns anvertrauten Menschen. Wir standen als Ausländer nicht im Fokus von Angriffen und Verfolgung. Deshalb konnten und wollten wir diesen Freiraum nutzen, um das Mögliche zu tun.

Wir freuen uns mit der Gemeinde, dass aus der „jungen Pflanze“ auf dem Land der „Neuen Blume“ ein ansehnlicher Baum gewachsen ist.

Ihm wünschen wir mit Worten aus dem 1. Psalm – in der Übersetzung von Huub Oosterhuis:

„Gesegnet bist du,Baum, gepflanzt an strömendem Wasser,

Früchte wirst du tragen,

Blätter welken nicht,

es wird dir gut gehen.“

Dr. Henrich und Eva Scheffer

 

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