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Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien

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Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

2016 10 23 Launhardt Johannes 200pxFestpredigt von Pfarrer Johannes Launhardt am 23.Oktober 2016 in der Kreuzkirche in Addis Abeba anlässlich des 50. Jubiläums der Evangelischen Kreuzkirche

 

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott und unserm Freund Jesus Christus.

 

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

Das schreibt der Dichter von Psalm 91

 

Liebe Festgemeinde,

vor 50 Jahren haben wir diese schöne Kirche einweihen können. Es war ein langer Weg bis dahin. Die Gemeinde hatte bereits 1956 angefangen, Geld für den Bau zu sammeln. Kaiser Haile Selassie hatte 1961 das Grundstück geschenkt, 1964 legte Bundespräsident Lübke den Grundstein und von 1965-1966 wurde gebaut. Das Grundstück der ersten deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in AA war durch die italienische Besatzung und den Weltkrieg verloren gegangen.

Mit einem Ereignis, das sich dort zugetragen hat, möchte ich beginnen. Junge Äthiopier hatten ein Attentat auf den Vizekönig Graziani verübt. Graziani überlebte, aber 3 italienische Soldaten waren getötet worden, etwa 50 wurden verletzt. Aus Rache und Vergeltung richteten die Italiener drei Tage lang ein furchtbares Blutbad an, durch das etwa 5000 Äthiopier getötet wurden, darunter orthodoxe Mönche und Priester. In dieser Situation flüchteten 200 Menschen aus dem Stadtteil Kechene, darunter 12 Priester der Medhane Alem Kirche, auf den Platz der Hermannsburger Mission, auf dem sich der Kirchsaal der evangelischen Gemeinde und die kleine deutsche Schule befanden. Als die Italiener mit ihren Maschinengewehren anrückten um alle Flüchtigen niederzumetzeln, gab Missionar Bahlburg, der Pastor der Gemeinde, allen Geflüchteten eine Schaufel oder andere Geräte und sagte, sie sollten Erde abtragen. Dann stellte er sich vor die italienischen Polizisten und erklärte, dass das alle seine Arbeiter seien, die einen Sportplatz anlegten. Die Italiener zogen ab, und Hunderte von Äthiopiern in akuter Lebensgefahr erfuhren auf dem Kirchengrundstück Rettung.

 Warum erzähle ich diese Geschichte? Weil der Schreiber von Psalm 91 eine ähnliche Erfahrung gemacht hatte. In einer lebensgefährlichen Situation hatte er im Heiligtum Schutz und Rettung erfahren. Am Altar endete die Macht des Rächers. Im alten Israel gab es neben dem Tempel in Jerusalem 6 sogenannte Freistädte, in denen ein Verfolgter oder Totschläger Zuflucht vor dem Bluträcher finden sollte. Da war er zunächst sicher. An all diesen Orten gab es aber auch Priester und Richter, die sich des Verfolgten annahmen. Die wichtigste Aufgabe der Richter war es dabei nicht, Schuld festzustellen und das Strafmaß festzulegen, sondern zu vermitteln und zwischen den verfeindeten Familien oder Clans Versöhnung zu stiften. Weisheit war an den heiligen Stätten gefragt. Sie waren Orte des Friedens in einer auf Macht und Rache ausgerichteten Welt.

 Diese Kirche hier, die wir vor 50 Jahren feierlich eingeweiht haben, und die Gebäude, die drum herum entstanden sind, wurden auch zu einem Zufluchtsort und einer Stätte des Friedens. Während draußen der Rote und der Weiße Terror wüteten, wurden hier Gottesdienste gehalten und die Botschaft von einem barmherzigen Gott verkündigt. An diesem Taufstein konnten in all den 50 Jahren Kinder getauft werden. Jugendliche wurden hier konfirmiert, und zwar nicht nur evangelische, sondern auch katholische, die von einem Priester hier auf die Erstkommunion vorbereitet und eingesegnet wurden. An diesem Altar empfingen Menschen im heiligen Abendmahl immer wieder Trost und Stärkung. Während der Derg-Zeit, als viele evangelische Kirchen geschlossen, Pfarrer verhaftet und Christen gefoltert wurden, war hier ein Ort, in dem wir uns,- ich arbeitete damals in der Äthiopisch-Evangelischen Kirche - mit bedrängten äthiopischen Christen und Vertretern anderer Konfessionen und Staaten unbeobachtet treffen und austauschen konnten. In der hiesigen Schule wurde, trotz des starken Widerstands der politischen Kader, die Botschaft von der Liebe Gottes im Unterricht weitergegeben und in die Tat umgesetzt. Etwa 800 und mehr arme, blinde und ausgegrenzte Äthiopier, junge und alte, lebten unter dem Schirm des Sozialwerks dieser Gemeinde und erlebten das als Gottes Schutz und Hilfe in einer lebensbedrohlichen Zeit. Da kann man nur staunen und für die 50 Jahre dankbar sein!

 Wir wollen uns an solch einem Festtag aber nicht nur mit der Geschichte der Gemeinde beschäftigen, so aufschlussreich sie auch sein mag. Was sagt das Wort „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt“, uns, die wir heute ganz anderen Gefahren ausgesetzt sind? Zunächst möchte ich Sie bitten, etwa zwei Minuten die Augen zu schließen und sich zu fragen: Wann und wo war ich in einer lebensgefährlichen Situation? Was habe ich damals erlebt und wie habe ich sie überstanden? Passierte das nur einmal oder mehrmals? Überlegen Sie in der Stille.

Wenn jetzt jeder und jede erzählen könnten, was sie erlebt und durchgemacht haben, gäbe es einen spannenden Roman. Noch interessanter wäre es zu erfahren, was Sie über Ihre Rettung zu sagen hätten. Die einen würden sagen: Ich hatte einen guten Arzt, der mein Leben gerettet hat. Andere: Ich habe in der entscheidenden Situation richtig reagiert und bin so heraus-gekommen. Wieder andere mögen ihre Rettung einem glücklichen Umstand zuschreiben, andere von Zufall sprechen. Der Sänger des 91. Psalms sieht tiefer. Natürlich musste er in die Freistadt laufen, im Heiligtum Unterschlupf suchen und dann um die Hilfe des Priesters und Richters bitten. Aber er erkennt seine Rettung als Gottes Tat. Gott hat seine Hand wie einen Schirm über ihn gehalten, hat ihn in der sengenden Sonne nicht austrocknen lassen und hat ihn im Heiligtum wie in einer Burg aufgenommen. Er erfährt Geborgenheit im Schutze des Höchsten. Nach einer modernen Übersetzung: Er wohnt unter dem Schirm des Höchsten und weilt im schützenden Schatten des Allmächtigen. Das hat der Sänger erfahren und ich denke, das haben viele von uns in lebensgefährlichen Situationen auch erfahren. Ich bin sogar sicher, dass uns das zuteilwurde, sonst säßen wir heute nicht hier.

 Der Sänger im Psalm, der Gottes Hilfe erfahren hat, wird zu einem dankbaren Bekenntnis aufgerufen. Der, der ihn dazu aufruft, könnte ein Priester gewesen sein, aber auch ein Frommer, der Gottes Heilsmacht erfahren hatte. Der Gerettete soll Gott loben und den erfahrenen Schutz nicht verschweigen. Es hat sich doch gezeigt, dass Gott selbst da war und gehandelt hat. Wer nicht dankt, schädigt sich selbst. Zu dem Dank soll das Vertrauen kommen; die Gewissheit, dass Gott auch weiterhin schützend bei denen ist, die unter sein Schutzdach kommen und bleiben. Gott freut sich, wenn wir ihm für all die Bewahrungen und Rettungen aus Lebensgefahr danken, aber er erwartet mehr: Er möchte, dass die Menschen ihm vertrauen. Wir sollen aus der sachbezogenen Sicherheit zum Person bezogenen Vertrauen durchstoßen und wie der Psalmist sagen: Mein Gott, auf den ich hoffe. Zu solch einer persönlichen Beziehung, oder neutestamentlich ausgedrückt, zu einer Haltung, in der Jesus Christus die Mitte unseres Lebens ist und bleibt, sind wir aufgerufen und dürfen dann sicher sein, dass der Allmächtige in jeder Lage bei uns ist. Er hat seine Boten und Diener doch überall. Der Dichter von Psalm 91 hat das in zwei bewegenden Versen, die auch mehrfach vertont wurden, so ausgedrückt:

Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Ja, wer Gott vertraut, darf sich seiner schützenden und helfenden Gegenwart sicher sein.

 Natürlich kann solch eine Zusage auch missbraucht werden, was die Geschichte von der Versuchung Jesu zeigt. Der Versucher zitierte genau dieses Bibelwort, und wollte, dass Jesus Gott herausfordert und zum Handeln zwingt. Jesus lehnt das ab. Die Verse aus Psalm 91 werden falsch verstanden, wenn man aus ihnen herauslesen will, dass einem Menschen, der Gott liebt, kein Unglück mehr widerfährt. Christlicher Glaube schützt nicht vor Leiden, aber weiß sich auch im Leiden in Gottes Hand geborgen. Der Liederdichter Paul Fleming drückte es 1633 so aus: Es kann mir nichts geschehen, als was er hat ersehen und was mir selig ist. Ich nehm es, wie er's gibet; was ihm von mir beliebet, dasselbe hab auch ich erkiest. Bin ich in wilder Wüste, so bin ich doch bei Christo und Christus ist bei mir; der Helfer in Gefahren der kann mich doch bewahren, wie dorten ebenso auch hier. Um diese Gewissheit des Geborgenseins im Schutze Gottes geht es. Wir wissen nicht, was in den nächsten Jahren auf diese Gemeinde und auf uns alle zukommen wird. Der Blick in die vielen Krisenherde lässt uns ahnen, dass es immer wieder Kriege, Terror, Flüchtlingsströme, Naturkatastrophen, Hunger und Krankheit geben wird. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie getrost Ihren Weg gehen können in der Gewissheit, dass Gott da ist; und dass diese Gemeinde mit all ihren Aktivitäten weiterhin unter Gottes Schutz und Segen steht und mit dem Psalmdichter sprechen kann: Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Sein Friede sei mit uns allen!

Amen 

 

english language version

 

Festive Sermon on October 23, 2016 in the Kreuzkirche in Addis Ababa
on the occasion of the 50th anniversary of the Evangelical Kreuzkirche

Grace be with you and peace from God and our friend Jesus Christ.

Whoever sits under the umbrella of the Most High and remains under the shadow of the Almighty, speaks to the Lord: My confidence and my castle, my God, in whom I hope.

This is what the poet writes in Psalm 91

Dear festive congregation,

50 years ago we have been able to inaugurate this beautiful church. It was a long way to go. The congregation had already begun to raise money for construction in 1956. Emperor Haile Selassie had donated the property in 1961. In 1964, President Lübke laid the foundation stone and from 1965-1966 it was built. The site of the first German-speaking Protestant congregation in Addis Abeba was lost by the Italian occupation and the World War.

I would like to start with an event that has happened there. Young Ethiopians had committed an assassination attempt on Viceroy Graziani. Graziani survived, but 3 Italian soldiers had been killed, about 50 were injured. For revenge and vengeance, the Italians spent three days setting up a terrible carnage, killing about 5,000 Ethiopians, including orthodox monks and priests. In this situation, 200 people from the district of Kechene, including 12 priests of the Medhane Alem Church, sought refuge at the Hermannsburger Mission, where the church hall of the Protestant church and the small German school were located. When the Italians came up with their machine guns to kill all the fugitives, Missionary Bahlburg, the pastor of the congregation, gave a shovel or other equipment to all the fugitives and said they should take off the earth. Then he faced the Italian policemen and declared that all Ethiopians were his workers, who prepared a sports field. The Italians withdrew, and hundreds of people in acute danger of life recovered on the church site.

Why am I telling this story? Because the writer of Psalm 91 had a similar experience. In a life-threatening situation, he had experienced protection and rescue in the sacred place. At the altar the power of the avenger ended. In ancient Israel there were, besides the temple in Jerusalem, six so-called free places, in which a persecuted person or murderer should find refuge from the blood-revenge. For the time being he was secured. In all these places there were also priests and judges, who accepted and cared for the persecuted ones. The most important task of the judges was not to establish guilt and to set the punishment, but to mediate and to reconcile between the hostile families or clans. Wisdom was in demand at the holy places. They were places of peace in a world striving for power and revenge.

This church here, which we solemnly inaugurated 50 years ago, and the buildings that were built around it, have also become a refuge and a place of peace. While the Red and White Terror raged outside, people could gather here, prayer services were held here and the message of a merciful God proclaimed. On this baptismal font, children were baptized in all the 50 years. Young people were confirmed here, not only Protestant but also Catholic, who were prepared and blessed by a priest here for their first communion. At this altar, people repeatedly received consolation, comfort and strengthening in the sacrament. During the Derg period, when many Protestant churches were closed, pastors were arrested, and Christians were tortured, this was a place where afflicted Ethiopian Christians and representatives of other confessions could meet unobserved and exchange views and experiences. In the local school here on the church compound , despite the strong resistance of the political cadres, the message of the love of God was passed on in the classroom and put into practice. About 800 and more poor, blind and excluded Ethiopians, young and old, lived under the umbrella of the social work of this congregation and experienced this as a protection of God and help in a life-threatening time. One can only be amazed and grateful for god’s grace in the 50 years!

On such a festival day, however, we will not only deal with the history of this church, although it might be of interest. What does the word "who sits under the umbrella of the Most High" tell us, who we are now exposed to quite different dangers? First, I would ask you to close your eyes for about two minutes and ask yourself: When and where was I myself in a life-threatening situation? What did I experience then and how did I get it? Did that happen once or more? Think about it in silence.

If everybody of us would be given a chance to tell what a experienced you’d gone through, there would be an exciting novel. Even more interesting would be to know what you would have to say about your rescue and recovery. Some would say: I had a good medical doctor who saved my life. Others: I have responded correctly in the crucial situation and have come out so. Others may ascribe their coming out to a happy circumstance, others may speak of chance. The singer of the 91st Psalms looks deeper. Of course, he had to run into the free place, seek shelter in the sanctuary, and then ask for help from the priest and judge. But he experiences safety in the protection of the Most High. God held his hand like a shield over him, did not let him dry out in the dawning sun, and took him as a castle in the sanctuary. He experiences security in the protection of the Most High. According to a modern translation: He dwells under the shield of the Most High, and dwells in the protective shadow of the Almighty. The singer has experienced this and I think many of us have experienced this in life-threatening situations too. I am even sure that this is the case, otherwise we would not be here today.

The singer in the psalm, who has experienced God's help, is called to a grateful confession. The one who calls him might have been a priest, but also a pious man who had experienced God's salvation. The saved shall praise God and not conceal the experienced protection. It has been shown that God himself was there and acted. He who does not give thanks will harm himself. We are called to give thanks and in addition trust that god will continue with is protection. The certainty that God continues to be protective of those who come and stay under his shelter. God is glad when we thank him for all the preservations and rescues of life, but he expects more: He wants people to trust him. We should be able to penetrate from the factual security to the person-related trust and as the Psalmist say: My God, on whom I hope. To such a personal relationship, or expressed in a New Testament form, to an attitude in which Jesus Christ is and remains the centre of our lives, we are called, and then may be sure that the Almighty is with us in every situation. He has his messengers and servants everywhere. The poet of Psalm 91 has expressed this in two moving verses,

For he has commanded his angels to keep thee in all thy ways, that they may bear thee on the hands, and thou shalt not thrust thy foot against a stone. Yes, those who trust God can be sure of their protective and helping presence.

 Of course, such a pledge can also be abused as the story of the temptation of Jesus shows. The tempter quoted exactly this Bible word, and wanted Jesus to challenge God and force him to act. Jesus rejects this. The verses from Psalm 91 are misunderstood when one wants to read from them that to a believer no more mischiefs are happening. Christian faith does not protect us from suffering, but also knows itself in suffering in God's hand. The composer Paul Fleming expressed this in 1633 in the following manner: Nothing can happen to me but what he has seen and what is my salvation. I will take it as he does; What he likes of me, that I also have chosen. If I am in a wild desert, I am with Christ, and Christ is with me; The helper in the dangers everywhere can preserve me everywhere. This certainty of being kept, in the protection of God is the issue here. We do not know what is going to happen to this church in the coming years and to all of us. The view into the many crises of the world suggests that there will always be wars, terror, fugitive flows, natural catastrophes, hunger and disease. I wish you all that you can confidently go your way in the certainty that God is there; And that this congregation, with all its activities and branches, continues to be under God's protection and blessing, and can speak with the psalm poet: Whoever sits under the umbrella of the Most High and remains under the shadow of the Almighty speaks to the Lord: My confidence and my castle God, whom I hope. His peace be with us all!

Amen!

Dr. Johannes Launhardt, pastor

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