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Wissen Sie, was Sünde ist?

Geiz01 200pxJahrhundertelang bestimmte das Thema Sünde das Denken vieler Menschen. Es ging vor allem um Verfehlungen im persönlichen Bereich: Lüge, Ehebruch usw. Heute wird dagegen mehr von Umwelt- oder Klimasünden gesprochen. Doch was ist Sünde nun? Ein Theologe, der sich viel damit beschäftigt hat, ist Thorsten Dietz (45), Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg.

idea: Herr Professor, Sie schreiben in Ihrem Buch „Sünde. Was Menschen heute von Gott trennt“: „Das Wort Sünde ist zu einem Unwort geworden.“ Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Dietz: Aufgrund eigener Erfahrung: Ich wurde erst mit über 20 Jahren Christ. Für mich war das Christentum etwas Vergangenes mit einer unverständlichen Geheimsprache. Für viele Nichtchristen bedeutet Sünde, dass Christen den Menschen als schlecht und wertlos beurteilen. Der Evangelist Thorsten Hebel hat das in seinem Buch „Freischwimmer“ sehr schön auf den Punkt gebracht: „Dieser fiese Dualismus schwebte lange über meinem Leben. Alles Gute gehört Gott. Alles Schlechte mir. […] Ich fühlte mich wertlos.“

Was ist daran so abstoßend?Eitelkeit01

Im christlichen Sündenbegriff geht es ja um die gestörte Beziehung zu Gott. Das ist für Nichtchristen erst mal fremd. Sie verwechseln ständig den christlichen Sündenbegriff mit normalen moralischen Verurteilungen. Jeder Mensch hat ja ein Verständnis von richtig und falsch, gut und böse. Das nun noch mit dem religiösen Spezialwort der Sünde zu beschweren, ist für viele Zeitgenossen nicht nachvollziehbar. Sie merken nicht, dass es im christlichen Glauben um Versöhnung und Befreiung geht.

Wie man über Sünde sprechen sollte

Sollten Verkündiger künftig auf das Wort „Sünde“ verzichten? Wir können auf die Grundwörter des Glaubens wie Gnade, Rechtfertigung, Sünde und Versöhnung nicht verzichten. Aber wir sollten das Wort Sünde nicht so verwenden, als wüssten ohnehin alle schon Bescheid. Sünde ist einer der Begriffe, die immer erläutert werden müssen – am besten am Beispiel aktueller Erfahrungen, so dass man es im eigenen Leben wiederfinden kann.

Wie verstehen Sie denn Sünde?

Im Kern ist Sünde Misstrauen gegenüber Gott, die Unfähigkeit, sich von ihm annehmen und lieben zu lassen. Die Konsequenz: Ich lebe nicht so, wie Gott mich eigentlich haben möchte – als liebender und barmherziger Mensch. Stattdessen zeigt sich Sünde als eine Haltung der Kälte und Lieblosigkeit. Sünde ist etwas, was ich erst an mir erkennen muss – und das kann ich nur in der Begegnung mit Gott. Was mich in der Verkündigung oft stört, sind dagegen abstrakte Formeln und ein Regelverständnis nach dem Motto: „Das und das ist Sünde“.

Das zentrale Maß ist Jesus Christus

Warum stört Sie das?

Es sind grobe Versuche, Fehlverhalten zu benennen. Es stimmt zwar oft, dass etwa Stehlen oder Lügen Sünde ist – aber es verführt dazu, dass man sich nicht die genaue Situation anschaut. Denn letztlich kann man mit allem sündigen. Judas hat mit einem Kuss gesündigt – obwohl ein Kuss eigentlich ein Zeichen der Liebe ist. Ein umgekehrtes Beispiel: Die ägyptischen Hebammen haben den Pharao belogen und damit Gott die Ehre gegeben, weil sie die hebräischen Frauen nicht verraten haben (2. Mose 1,19). Deshalb ist der Versuch, Regeln zu definieren, eine Abkürzung, die häufig in die Irre führt. Bei solchen Regelwerken geht es meistens um die Sünden der anderen. Wenn Jesus sagt: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Matthäus 7,3), ist klar: Die wichtigste Sünde ist immer meine eigene.

Faulheit01Wie komme ich dann zur Sündenerkenntnis?

Das zentrale Maß ist dabei Jesus Christus selbst. Wenn ich mich mit Jesus vergleiche, erkenne ich, wie Gott mich eigentlich haben möchte und wie ich dahinter zurückbleibe. Diese Erkenntnis kann ich nicht selbst schaffen. Sie ist etwas, was der Heilige Geist in uns bewirken muss.

Ohne Sünde gibt es kein Christentum

Die Sünde zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel. Auch Jesus sprach in seinen Predigten ständig über sie. Absolut – Sünde ist bei Jesus ein zentrales Thema. Ohne Sünde gibt es kein Christentum. Heute wird nicht zu viel oder zu wenig über Sünde geredet, sondern oft falsch.

Auch viele Christen fangen an zu drucksen, wenn sie über Sünde reden, weil sie merken, dass ihnen das Thema Probleme macht.

Wie macht man es richtig?

Indem man nicht Menschen kleinmacht, sondern Gott groß macht. Richtig ist auch: Es gibt keine Umkehr, ohne dass man sich von etwas abkehrt. Von dem, was unser Leben kaputt macht.

Wir haben es verlernt, mit zu leiden

Wovon müssen wir uns denn heute abkehren?Neid01

Mit einem häufigen biblischen Bild gesagt: Hartherzigkeit. Sünde ist die Unfähigkeit zu Anteilnahme und Mitgefühl. Nehmen wir ein hochaktuelles Thema. Der Umgang mit den Flüchtlingen und Migranten ist die große Herausforderung unserer Generation. Wir alle wissen, dass uns diese Entwicklung vor ungeheure Herausforderungen stellt. Ja, es gibt Grenzen der Integrationsfähigkeit, ja, Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit sind unverzichtbar. Aber: Mich erschreckt die Verhärtung in der öffentlichen Diskussion, die Kälte gegenüber den konkreten Menschen. Wenn wir blind werden für das Leid der Armen und taub für das Geschrei der Verzweifelten, dann ist viel mehr kaputtgegangen als die öffentliche Ordnung. Wenn wir keine Tränen mehr haben für dieses weltweite Leid, dann ist das christliche Europa am Ende. Allerdings: Es gibt auch Menschen, die durch zu viel Mitleid wund werden. Manchen Menschen muss man sagen: Du musst nicht das ganze Leid dieser Welt tragen. Das kann nur Gott. Meine Warnung vor Hartherzigkeit ist keine Generalformel für jeden. Sie gilt für viele, aber nicht für alle.

Die großen Sünden unserer Zeit

Welche Sünde spielt heute außerdem eine große Rolle?

Ein übertriebenes Bedürfnis nach Sicherheit. Wir leben in einem Land, das so viel Sicherheit bietet wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit – politisch, finanziell und auch gesundheitlich. Gleichzeitig leben wir mit einem ausgeprägten Unsicherheitsgefühl. Meine Diagnose: Wir neigen zu einem krampfhaften Streben nach absoluter Sicherheit. Das kann unsere Gesellschaft aber nicht leisten. Übrigens kann das auch der christliche Glaube nicht. Vielen genügt nicht die angefochtene Gewissheit des Glaubens, sie suchen fundamentalistische Sicherheit. Wir müssen es lernen, unsere Glaubenszweifel, unsere Ungewissheit besser auszuhalten. Wer sich immer absolut sicher sein will, zerstört damit mehr, als er bewahrt.

Zu viel Zerstreuung: Wir verpassen das wirkliche Leben

Und Sünde Nummer drei?

Die Sucht, sich zu zerstreuen. Wir surfen im Internet, klicken uns endlose Stunden durch Videos, lassen uns mit Informationen und Tönen berieseln, umgeben uns mit zahllosen Ablenkungen. Dabei verpassen wir das eigentlich Notwendige: Beziehungen zu pflegen, die Familie zu entwickeln, andere zu lieben. Zerstreuung sieht auf den ersten Blick harmlos aus, sie zerstört aber unheimlich viel und trägt dazu bei, dass wir unser Leben verpassen. Die Bibel scheint ein sehr pessimistisches Menschenbild zu haben. In Psalm 53,3–4 heißt es etwa: „Gott schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage. Aber sie sind alle abgefallen und allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“ Das ist leider wahr. Es gibt aber auch noch eine andere Wahrheit. In Psalm 139,14 heißt es: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ Oder Psalm 8,5–6: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ In der Bibel gilt beides: Der Mensch ist wunderbar geschaffen und zugleich fähig zum Bösen.

Ist in der heutigen Verkündigung die Balance gegeben?

Insgesamt schon, aber leider so, dass die einen sehr stark betonen, dass die Menschheit kaputt ist und alles den Bach runtergeht, während andere sich die Welt schönreden. Ist das tatsächlich so? Nach meiner Beobachtung wird das Reden von der Sünde landauf, landab weiträumig umfahren. Ja, das gibt es. Darin zeigt sich eine große Unsicherheit vieler Christen im Verkündigungsdienst. Man will die Menschen nicht mehr aburteilen. Man will Glaube nicht mehr auf die Angst vor dem Gericht begründen. Diese Vorsicht ist durchaus ein geistlicher Fortschritt. Und zugleich auch eine Gefahr. Wir dürfen nicht sprachlos werden für die Abgründe des menschlichen Lebens. Wir müssen neu lernen, behutsam von dem zu reden, was uns kaputt macht.

Völlerei01„Ich bin nicht besser“

Martin Luther schrieb: „Der charakteristische Gegenstand der Theologie ist der Mensch, der der Sünde schuldig und verworfen ist, und Gott, der den sündigen Menschen rechtfertigt und errettet. Was außerhalb dieses Gegenstandes in der Theologie erfragt und erörtert wird, ist Irrtum und Gift.“ Luther bringt etwas Entscheidendes auf den Punkt. Solange wir Gott nicht in Christus finden als unseren Erlöser, haben wir noch nicht wirklich mit Gott zu tun. Sehen Sie, als jugendlicher Atheist habe ich natürlich gehört, dass Christen an einen Gott der Liebe glauben. Berührt hat mich das nicht. Wann wird die Botschaft von der Liebe Gottes wirklich wesentlich? Wenn wir erkennen, dass wir sie brauchen. Wenn wir nicht mehr denken, wir würden das alles wie selbstverständlich besser hinkriegen als „die da oben“, als unsere Vorfahren im Dritten Reich oder wer auch immer. Christwerden begann für mich mit der Einsicht: Ich bin nicht besser. Auch ich bin anfällig für das Böse. Dann ist Gottes Liebe nicht nur ein schönes Zubrot. Sie ist das große Trotzdem. Trotz aller Abgründe hält Gott an mir fest.

Wir müssen das Thema Sünde wieder ernst nehmen

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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt: „In einem Ausmaß wie nie zuvor ist ‚Sünde‘ heute im durchschnittlichen Denken, Fühlen und Reden ein überwiegend nonchalantes Wort mit allerlei Bedeutungen und Funktionen, die mit dem ursprünglichen Sinn – Verfehlung vor Gott – nichts mehr zu tun haben. Meist wird es humoristisch-neckisch gebraucht, mit mal verständnisinnigem, mal schelmischem, mal saloppem Akzent.“ Ich teile diese Einschätzung. Das Problem der Christen ist jedoch, dass viele Menschen überhaupt nicht mehr verstehen, was wir eigentlich wollen, wenn wir von Sündenvergebung reden. Und mich beunruhigt sehr, dass viele Christen davon so wenig beunruhigt sind. Meine Hoffnung ist, dass wir das Thema Sünde wieder ernst nehmen und die Erlösung von ihr als Befreiung wiederentdecken.

Warum Pfarrer öfter ins Kino gehen sollten

Welchen Weg haben Sie selbst gefunden?

Kinofilme und Serien können eine große Hilfe sein, neue Bilder und Beispiele für Sünde zu finden. So schildert die US-Fernsehserie „Breaking Bad“ (Vom rechten Weg abkommen) die Verführung zum Bösen sehr beklemmend: Sie beschreibt das Leben des Chemielehrers Walter White, der an Krebs erkrankt. Er will seine Familie finanziell absichern und beginnt die Droge Chrystal Meth herzustellen. Von Folge zu Folge verstrickt er sich immer mehr in Lügen und Betrug, bis hin zum Mord. Dadurch geraten auch seine Familie und seine Freunde immer mehr in Mitleidenschaft. Die Serie beschreibt die Sünde als immer weiter um sich greifende Macht des Bösen. Dieser Sog wird in „Breaking Bad“ auf eindrückliche Weise beschrieben. Als Zuschauer sitzt man atemlos da und denkt: Genau so funktioniert Sünde! Warum gelingt es uns nicht auch öfter auf der Kanzel, so eindrücklich den Sog der Verführung zu beschreiben, so beklemmend die Macht des Bösen in ihre zartesten Versuchungen zu zerlegen und so abgründig das Ineinander von menschlicher Verzweiflung und Schuld auszuloten? Pfarrer sollten also öfter ins Kino gehen? Unbedingt! Wie will ich andere von meiner Botschaft begeistern, wenn ich nicht mal die Geschichten kenne, die sie sonst faszinieren? Von den großen Erzählern Hollywoods können sich auch Verkündiger viel abschauen. Schließlich kommt es auch in der Predigt darauf an, theologische Wahrheiten möglichst lebensnah zu beschreiben.

Zorn01Glaube, Vergebung, alles super? Das ist doch billig!

Der Evangelist Billy Graham predigte so über die Sünde: „Derjenige, der Christus als seinen Retter annimmt, empfängt im selben Augenblick als Geschenk Gottes die Vergebung … Das heißt: Man steht vor Gott, als habe man niemals eine Sünde begangen.“ Es ist nicht falsch, aber ich glaube, dass das den meisten Menschen wenig sagt. Früher habe ich gedacht: „Die Christen machen es sich schön bequem. Sie schauen auf ihren eigenen Vorteil, dann kommt Jesus – Glaube, Vergebung, alles wieder super. Das ist doch billig!“ – Natürlich geht es im christlichen Glauben um Vergebung. Man muss aber auch hinzufügen, dass es darum geht, anders zu leben, lieben zu lernen, barmherzig zu sein wie Jesus. Vergebung der Sünden bedeutet immer auch Heilung und Befreiung. Vielen Dank für das Gespräch!

Buchhinweis: Thorsten Dietz: Sünde – Was Menschen heute von Gott trennt · SCM R. Brockhaus · 224 Seiten · ISBN 978-3-417-26784-6 · 16,95 Euro

Interview aus idea spektrum 37/2016, www.idea.de 

Bilder von vive-le-rock.deviantart.com

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