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Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien

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Geschenkt, geliebt, genommen

baby-200px„Überraschend gekommen, überraschend gegangen.“ Das war Annegret Körners erster Gedanke, als das Ultraschallgerät bei ihrem Baby keine Herztöne mehr feststellte. Eine Woche vor dem Geburtstermin war das kleine Kind ganz still und unerwartet gestorben. Die 45-jährige evangelische Christin aus dem sächsischen Schönheide (bei Aue im Erzgebirge) erzählt, wie sie und ihre Familie mit dem Verlust des Kindes umgegangen sind.

Nein, geplant hatten wir die späte Schwangerschaft nicht – immerhin waren unsere drei Kinder schon bald erwachsen. Trotzdem freute sich die ganze Familie aus vollem Herzen, als wir erfuhren, dass ich erneut schwanger war. Mein Frauenarzt kümmerte sich intensiv um mich und unser Kind. Ich fühlte mich sicher und konnte sogar während der Schwangerschaft noch lange arbeiten. Ich fühlte mich rundum wohl, weil ich mich so auf unser Baby freute. Anfang Mai hatte ich meinen letzten Frauenarzttermin – alles war gut. Die Schwester lachte, weil mein jüngstes Kind so kräftig gegen die Bauchdecke strampelte. Am nächsten Tag erledigte ich die letzten Vorbereitungen im Kinderzimmer – unser jüngstes Kind konnte kommen. Und ich war so gespannt! Wir hatten uns entschieden, das Geschlecht unseres Nachwuchses nicht zu erfahren. Wir wollten uns überraschen lassen. 

Das Baby lebt nicht mehr 

Abends genossen wir beim Geburtstag eines Freundes die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Da merkte ich es zum ersten Mal. Mein Baby ist heute ganz ruhig, dachte ich. Als ich mich abends schlafen legte, blieb ein mulmiges Gefühl. So eine Ruhe hatte ich schon monatelang nicht in meinem Bauch gespürt. Am nächsten Morgen rief ich meine Hebamme an. Sie beruhigte mich, fuhr aber mit mir ins Krankenhaus, nachdem auch sie keine Bewegung feststellen konnte. Unterwegs wurde es ganz still. Ich sagte keinen Ton, fing schon an, mir der Tragweite der Untersuchung bewusstzuwerden. Im Krankenhaus angekommen, untersuchte mich der Arzt mit dem Ultraschallgerät. In diesem Moment wusste ich es: keine Herztöne mehr. Kein Lebenszeichen. Unser Baby lebte nicht mehr. Ganz plötzlich geriet unsere Welt aus den Fugen. 

Ein Alptraum, aus dem man nicht erwacht 

Nach der Untersuchung brachte mich meine Hebamme nach Hause. Um die Zeit bis zur Heimkehr meines Mannes zu überbrücken, lief ich gemeinsam mit einer Freundin durch die umliegenden Felder. Das schöne Wetter und der Frühlingsduft begleiteten uns – eigentlich wunderbare Bedingungen, um ein neues Leben zu begrüßen. Stattdessen fühlte ich mich wie in einem Alptraum. Abends waren wir mit unserer Familie allein. Unsere Hebamme hatte uns angeboten, dass wir uns einen Tag mit der Situation auseinandersetzen könnten, bevor wir unser Kind auf die Welt holen würden. Die Trauer überwältigte uns völlig. 

Dein Wille geschehe? 

Der Sonntag, an dem ich unser Kind zur Welt bringen sollte, war Muttertag. Wie schmal ist der Grad zwischen Leben und Tod, dachte ich. Wie wenig haben wir überheblichen Menschen in der Hand. Ich fasste mir ein Herz und informierte Verwandte und Freunde. Viele fühlten mit uns, wollten helfen. Und dennoch drängte sich mir immer wieder der eine Gedanke auf: Du musst es ganz allein schaffen, musst dein Kind unter Schmerzen auf diese Welt bringen, nur um es aus diesem Leben zu verabschieden und wieder herzugeben. Dein Wille geschehe? Ist das dein Wille, Vater? Auf diese Frage gab es an diesem Tag keine Antwort. Wir verstanden es nicht, aber wir nahmen es an. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf. Angst, Trauer, Demut vor der Unbeeinflussbarkeit unseres Lebens. Sorge um unsere Familie: Wie würde wohl jeder Einzelne den Verlust verkraften? Gleichzeitig aber war ich in diesem Moment dankbar – für meine Familie, unsere Hebamme und dafür, dass ich auch in der finstersten Stunde meines Lebens jemanden bei mir wusste, der alles in den Händen hielt, bei dem ich aufgehoben war. Egal, wie schlimm der Tag werden würde. Nachdem wir entschieden hatten, die Geburt noch eine Nacht hinauszuzögern, wurden am Montag die Wehen eingeleitet. Noch einmal bekam ich den schönen Babybauch massiert – wer mich sah, glaubte an die gute Hoffnung, nur wir wussten es anders. Inständig bat ich Gott, dass bis 11 Uhr alles geschafft sein würde. Und Gott sorgte für uns. Er fegte den ganzen Kreißsaal leer – wir hatten alle Räume für uns allein, mussten keine fröhlichen Eltern neben uns hören. 

Ein bildhübsches Kind 

Schließlich erfüllte Gott auch meine ganz konkrete Bitte. Eine Stunde vor meinem „Wunschtermin“ kam unser kleines Kind auf die Welt. Ein Junge! Trotz aller Traurigkeit war die Ankunft unseres Sohnes ein Glücksmoment. Wir freuten uns so, ihn endlich zu sehen – er war ein bildhübsches Kind, mit einem wunderschönen Köpfchen, braunen Haaren und einem Kussmund wie aus dem Bilderbuch. Er musste nicht blinzeln bei seiner Ankunft, er sah schon ein ganz anderes Licht. Auch Schreien musste er nicht, weil nur sein perfektes Äußeres noch ankam und seine Seele schon dort war und ist, wo es keine Tränen mehr gibt. Gott hatte unseren Sohn wunderbar gemacht. Wir hatten kein Recht auf ihn und auf die Allmacht dessen, der Himmel und Erde geschaffen hat. Das wurde uns an diesem Tag schmerzhaft bewusst. Trotz allem waren wir dankbar. Wir staunten, dass Gott den Tag für uns geordnet und vorbereitet hatte. „Ich habe dich bei deinem Namen genannt, du bist mein“, sagt Gott im Alten Testament. Unserem kleinen Sohn gaben wir den Namen Ole. 

Ein Tag für ein ganzes Leben 

Einen ganzen Tag lang durften wir Ole im Krankenhaus bei uns haben. Es fühlte sich an, als hätten wir nur diesen einen Tag, um ihm die Liebe für ein ganzes Leben mitzugeben. Das schafft man nicht. Trotzdem genossen wir die gemeinsame und doch getrennte Zeit, bevor wir uns voller Schmerz von ihm verabschiedeten. Unser Kindersitz blieb leer – wir fuhren allein nach Hause zu unserer Familie. Das ist jetzt unser Leben, dachte ich – unvorstellbar, nicht zu realisieren. Geschenkt, geliebt, genommen. Gottes Gedanken waren nicht unsere Gedanken, seine Wege nicht die unseren. Trotzdem mussten wir darauf vertrauen, dass er es gut mit uns meint. 

Wir haben nichts in der Hand 

Weder ich noch meine Familie hatten darüber nachgedacht, dass jemand am Tod unseres Sohnes schuld sein könnte. Es war einfach entschieden – das war für mich im Nachhinein ein besonderer Segen. Stattdessen wurde mir das Geschenk des Lebens ganz neu bewusst. Ja, es ist ein Geschenk! Wir können nichts dazutun oder davon wegnehmen. Es gibt einfach Geheimnisse zwischen Leben und Tod, die man nicht versteht. Was bleibt, ist die Hoffnung darauf, dass Gott uns in der Hand hält und alles zu einem guten Ende führt. 

Der Schmerz bleibt 

Gleich wieder zur Tagesordnung übergehen konnte ich nicht. Im Hof Birkensee der Communität Christusbruderschaft Selbitz (Offenhausen bei Nürnberg) zog ich mich deshalb einige Tage zurück und setzte mich mit dem Verlust auseinander. Heute – drei Jahre später – ist der Schmerz immer noch da, auch wenn wir noch einmal Nachwuchs bekommen haben – unseren kleinen Sonnenschein Friederike. Nein, ich zweifle trotz allem nicht an Gottes Existenz, ich habe ihm unseren Verlust auch nicht zum Vorwurf gemacht. Aber ich bin ehrfürchtig geworden. Das Bewusstsein, dass wir unser Leben nicht in der Hand haben, macht einerseits Angst, andererseits macht es aber auch gelassen – denn für unser Wohl ist jemand anderes verantwortlich. Gerade für mich als Mutter ist es tröstend zu wissen, dass ich mein Kind im Himmel wiedersehen werde. Bis dahin weiß ich unseren kleinen Ole in den besten Händen.

aus: idea-spektrum 42/2014

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