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Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien

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Ein sehr langer Anlauf

recke01 200pxEin langer Weg bis zum ersten Gottesdienst in der Kreuzkirche.

Rumpelnd fuhr das Fahrwerk der DC 3 des Luft-Mulis der Äthiopien Air Line aus. Aus Nairobi kommend hatten wir gerade die Äthiopische Seen-Platte mit den eng zusammen liegenden Seen, Lake Abaya, Awasasee, Lake Shalla und Langano See, Horra Abyiata und Zeway See überflogen. Besonders die vier eng zusammen liegenden Seen leuchteten im späten Nachmittagslicht in drei Farben zu mir hinauf. Lake Shalla tief Blau, der Langanosee gegenüber rötlich Braun, der Horra Abyata wieder in tiefem Blau, auf einer Seite rosa schimmernd, (wie ich später heraus fand, lag das an 10.000den Flamingos) und der Zeway See grau-grün mit weißen Schaumkronen der Wellen. Dann lagen die 5 Kraterseen um den Ort Bishoftou (Debre Sait) unter uns. An dem größten, dem Bishoftou-See, war der weiße Hotelkomplex des Ras Hotels zusehen. Im Trichter des Zuqualla Vulkans lag wie eine Perle in der Muschel, der Kratersee mit seinem kleinen Kloster. Später haben wir auf manch einer Safari dieses alles erforschen können.

Im Sinkflug überflogen wir noch einige kleine Dörfer, drehten eine Kurve vor dem Hausberg Entotto in dem Addis Ababa, damals 750.000 Einwohner groß, eingebettet liegt, landeten dann auf einer großen Wiese, an deren Ende eine größere Holzbaracke und ein mit Antennen bestückter Holzturm stand. Parallel zu uns zog sich ein breiter Zementstreifen hin. Wie ich später erfuhr, war es die Rollbahn für die größere, viermotorige DC 6, Maschinen die Äthiopien Air Line für den Internationalen Flugverkehr einsetzte. Sollte dieses der Flugplatz der Hauptstadt Äthiopiens sein? Ich frug den neben mir sitzenden, im typischen Safary Look angezogenen Engländer: „Tell me, is this Addis Ababa Air Port?“ Der Brite meinte nur: “This lousy shit over there is Addis Airport Building.” Naja, ich war an meinem Bestimmungsort angekommen.

Mir fiel sofort auf, dass eine große Menge schwer bewaffnetes Militär in und um dem Flugplatzgebäude herum stand. Da erinnerte ich mich, dass es vor kurzem ein „Coup d´état“ in Äthiopien gegeben hatte. Der Kaiser war auf Einladung des brasilianischen Präsidenten zur Eröffnung der brasilianischen Hauptstadt „Brasilia“ in Brasilien gewesen, als in Addis seine Body Guard putschte. Er kam sofort zurück und schlug mit Heer und Luftwaffe, die loyal zu ihm hielten, den Putsch nieder. Es würde zu weit gehen hier Einzelheiten zu bringen.

Ich hatte mein Ziel erreicht, nachdem ich als Kaffee-Landwirt-Kaufmann-Schmecker und Spezialist, einige Wochen in Kenia verbracht hatte. Dort hatte ich für meine Firma in Hamburg einige Tausend Sack Kaffee auf der Auktion ausgesucht, verkostet und gekauft. Die Abwicklung des Exports übernahm dann eine einheimische Export Firma.

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12.2.1928 Evangelischer Gottesdienst in deutscher Sprache zur Einweihung des Missionshauses in Addis Abeba

 

Meine Aufgabe in Äthiopien war es auf Wunsch des Kaisers Haile Selassies, den Kaffee im Mutterland des „Kaffee Arabica“ so zu verbessern, dass er nach Deutschland exportiert werden konnte. Mein damaliger Chef, der auf Einladung des Kaisers einige Wochen im Lande war, hatte  verschiedene Kaffeeprovinzen bereist und festgestellt, dass der Kaffee im Lande einmalig gut war, die Kaffeekirschen aber total falsch geerntet und behandelt wurden, sodass der Rohkaffee für sehr wenig Geld hauptsächlich nur an die USA verkauft wurde. Äthiopien, ein Land, das hauptsächlich vom Export landwirtschaftlicher Güter abhängig war, Erze und Öl gab es im Lande nicht, erzielte hauptsächlich mit dem Verkauf von Kaffee die so dringend benötigten Devisen.

Ich sollte dieses ändern. Ich wusste, dass dieses eine schwere Aufgabe war. Aber, dass ich fast 30 Jahre im „Lande des Löwen von Judah“, ab 1974 nach der schleichenden, grausamen Revolution in einem Marxistische-Leninistischen, kommunistischen Land bleiben würde, das hätte ich mir niemals vorgestellt.

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9.11.1928 Erster Schultag der Schule der Evangelisch-Lutherischen Christuskirche in Addis Abeba

Den äthiopischen „Wild-Kaffee“ für Deutschland hoffähig zu machen war meine Aufgabe. Ja, ich brauchte 30 Jahre. Heute ist Deutschland der größte Abnehmer des feinen, würzigen, hauptsächlich noch wild wachsenden Bio – Kaffees. Der Verkauf bringt dem Staat hohe Devisen und den einzelnen Bauern und Kooperativen einen geregelten, guten Ertrag. Kaum eine Entwickelungshilfe kann, auch unter Einsatz vieler Millionen, die ich nicht zur Verfügung hatte, auf so eine Erfolgsstory zurück schauen.

Für mich, als evangelischer Christ erzogen, war es eine Selbstverständlichkeit, nachdem ich mir eine Bleibe gesucht und andere Deutsche kennen gelernt hatte, auch mich nach Gottesdiensten und Zusammenkünften unserer Kirche zu erkundigten.

Bei meinem täglichen Mittagessen in dem sogenannten „Deutschen Restaurant“, das von der Frau eines Deutschen Arztes des Haile Selassie Hospitales, Frau Emanuel, geführt wurde, lernte ich sehr schnell Landsleute kennen, die schon längere Zeit in Addis Ababa lebten. So erfuhr ich, dass es eine „DEUTSCHSPRACHIGE GEMEINDE EVANGELISCHER CHRISTEN“ in Addis Ababa gebe. Gottesdienste gäbe es sonntags in der Deutschen Schule. Ich solle doch mal in die Lions Pharmacy auf der Churchill Road gehen und mit Herrn Hildebrandt, dem Apotheker, sprechen, der Vorsitzender des Kirchenvorstandes sei. Also besuchte ich Herrn Hildebrand, der mir sagte, dass Gottesdienste in der Deutschen Schule nahe dem Sidist-Kilo-Platz stattfänden.

Ich besuchte mit meinem Freund Albrecht Branding, mit dem ich zusammen eine Wohnung teilte, diesen Gottesdienst. So lernte ich Pastor Launhardt, Missionar der Herrmannsburger Mission für Äthiopien, kennen. Pastor Launhardt entnahm seiner Aktentasche Kreuz, Bibel und Gesangbücher und leitete mit einem schönen, bekannten Kirchenlied den Gottesdienst ein. Ich musste dabei an meine Mutter denken, die in Südafrika geboren wurde und über Gottesdienste des Pfarrers in Cape Town sprach, der mit seinem Klappaltar in das Konsulat ihres Vaters kam und dort für Deutsche Evangelische Christen den Gottesdienst hielt. Pastor Launhardt hielt eine sehr gute Predigt, die mich dem Lande, in dem ich nun lebte, näher brachte.

Ich war damals 1961 noch „Single“, verlobte mich aber im Januar 1962 mit Oda von Doering, als ich mit dem Oma –Bomber, einem Charter Flug nach Deutschland flog, um in Hamburg eine Kaffeefirma für Äthiopien zu gründen.

Meine Verlobte reiste per Schiff im Juli 1962 zusammen mit meiner Schwester nach Äthiopien. Pfarrer Launhardt traute uns in Anwesenheit vieler Gemeindeglieder in der anglikanischen Basilika in Addis, nachdem wir standesamtlich auf unserem herrlichen Botschaftsgelände von Dr. Dietrich, dem ersten Sekretär, amtlich geheiratet hatten.

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Einladung zur Weihnachtsfeier 1955

Ich war nun viel im Kaffeeland von Kaffa und Sidamo und anderen Kaffeegebieten unterwegs, um den Kleinbauern beizubringen, wie sie den Kaffee zu ernten und aufzubereiten hatten. Manchmal war ich in der Chakka mit einer Maultier Karawane beladen mit Kaffeemaschinen wochenlang unterwegs und konnte meine Frau nur über Postläufer Nachrichten zukommen lassen.

In Addis hielt ich enge Verbindung zu Pastor Launhardt, von dem ich erfuhr, dass er sich sehr bei Kaiser Haile Selassie um ein Grundstück für unsere Kirche bemühte. Ich war ja hauptsächlich auch für das Kaiserhaus, im Besonderen für Ras Anderkatchew Messai, der damals meinen Chef Herrn Christen eingeladen hatte, nach Äthiopien gekommen. So lernte ich auch seine Frau, Prinzessin Tanange Work kennen, die eine Kaffeeplantage im Wondo Valley bei Shashamane besaß. Sie bat mich den italienischen Verwalter zu beraten um die Plantage rentabel zu gestalten. So hatte ich die Gelegenheit, sie häufiger zu sehen. Von Pastor Launhardt wusste ich um die Bitte an den Kaiser für ein Stück Land für ein Kirchengrundstück für unsere Evangelische Gemeinde. Bei den Treffen mit Prinzessin Tange Work konnte ich diesen Wunsch unserer Gemeinde an ihren Vater mit einbringen, in der Hoffnung, dass sie die Bitte um ein Stück Land für unsere Gemeinde an ihn weiter gebe. Sie tat es und ich hoffte, dass es dazu beitrug, dass Pastor Launhardt schließlich am 23. März 1962 dem Kirchenvorstand in Anwesenheit von Missionsdirektor Wesenik mitteilen konnte, dass der Kaiser bereit war, ein Grundstück zu geben. Die Kaiserlichen Beamten schoben aber alles auf die lange Bank. Es begann eine Feilscherei um den Ort des Grundstücks. Es wurden fünf verschiedene Grundstücke in der Größe von etwa 3000 m² genannt. (Ich erlebte diese Feilscherei um ein Grundstück wieder als Stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Botschaftsschule nach der Enteignung unserer Schule 1980) Als Verzögerung kam noch der Tod der Kaiserin Iteke Mennen mit einer langen Trauerzeit hinzu. Von deutscher, kirchlicher Seite war auch viel im Umbruch. Die Deutschsprachige Gemeinde Evangelischer Christen hatte damals ein Vertragsverhältnis zur VELKD. Die finanziellen Beihilfen kamen aber von der EKiD, das heißt dem Evangelischen Außenamt, das heute, in Hannover gelegen, noch für uns zuständig ist.

Meine Frau und ich traten zu diesem Zeitpunkt, am 1. August 1962, der Gemeinde bei. Seit diesem Zeitpunkt sind wir mit der Gemeinde nun 54 Jahre eng verbunden.

Es vergingen noch 2 Jahre, in denen immer wieder nachgehakt werden musste, um den Vertrag mit der Stadt abzuschließen. In der Kirchenvorstandssitzung vom 1.Mai 1963 im Haus von Dr. Ende, konnte Kess Johannes Launhardt dem Vorstand, auch in Anwesenheit von Architekt Pascher als Gast, bekannt geben, dass das Ministry of Pen die Stadtverwaltung Addis Ababa angewiesen hat, ein Grundstück in der Größe von etwa 3.000 m² an die Kirche zu geben. Dieses Schreiben ist als Schenkungsurkunde anzusehen und befindet sich in Händen der Gemeinde. Seitens der Gemeinde wurden bereits die Baupläne eingereicht.

Bei einer Kirchen­vor­stands­sitzung im August 1964 konnte Pastor Launhardt grünes Licht geben. Der „Title Deed“, die Besitzurkunde des Kirchengrundstücks, lag vor. Eine Kopie dieser Urkunde sollte auf der Deutschen Botschaft und bei der EKiD in Frankfurt/Main hin­ter­legt werden. Auch die Baugenehmigung der Stadtverwaltung von Addis Ababa lag vor. Der Architekt Pascher, Herr Dinghuhn, Kunstlehrer an der Deutschen Schule, und Herr von Sela vom Architekten Büro Chomette hatten seit langem zusammen mit dem KV über Form und Größe der Kirche konferiert. Ein detaillierter Bauplan lag vor. Von Anfang an stand fest, dass es nach dem Entwurf von Herrn Dinkhuhn ein Rundbau werden sollte, der einem äthiopischen „Tukul“ – einer Rundhütte - nach­em­pfun­den sein sollte.

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Erster Entwurf einer Kirche für die deutsche Gemeinschaft von 1956

Die Grundsteinlegung der Kirche fand am 21. Oktober 1964 im Beisein des Bundespräsidenten Heinrich Lübke mit vielen Gemeindemitgliedern und Gästen unter dem blauen, von der großen Regenzeit rein gewaschenen Himmel Äthiopiens statt. Als Startkapital hatte Präsident Lübke je einen Scheck von DM 5.000,- von sich und Bundeskanzler Ludwig Ehrhard im Gepäck.

Der Bau der Kirche verlief wie geplant. Es tauchten natürlich noch viele Schwierigkeiten auf, wie z. B. dass die Grenze des Grundstücks genau durch die einzige öffentlich Toilette der Stadt führte, die dort für das große Tauf-Timkat Fest, an dem viele tausend Orthodoxe Christen in einer farbigen Zeremonie teilnehmen, gebaut worden war. Die Grenze musste umgelegt werden. Es kam hinzu, das die Legung des Fundamentes Schwierigkeiten machte, da das Grundstück am Rande der „Jan Heu Meda“, der Kaiserlichen Wiese, leicht moorig war. Last but not least stand unsere Kirche stolz gegenüber des Griechischen Patronats. Auf der Rückseite grenzte das Grundstück an ein sehr ärmliches, slumähnliches Wohn­viertel. Hier sah man schon die erste Arbeit, die auf unsere Gemeinde zukommen würde.

Die Gemeinde hatte nun eine neue Dimension bekommen. Das Geschenk des Kaisers, die ca. 3.000 m² Bauland, waren verbunden mit der Zusage des Kirchlichen Außenamtes, die Finanzierung des Kirchenbaues und die Übernahme der Sendung und des Gehaltes eines hauptamtlichen Pastors zu übernehmen.

1966 schloss der Radiosender „Voice of The Gospel“, der von einem evangelischen Pastor amerikanischer Herkunft geleitet wurde und von Addis Abeba aus sendete. Der Kirchenvorstand ver­pflich­tete mit Einver­ständ­nis des Kirchlichen Außenamtes der EKD Pastor William L. Graffam am 12.12.1966 als Pastor für unsere Gemeinde. Pastor Graffam hatte in Deutschland studiert, war mit einer deutschen Frau verheiratet und war mit ihr mit sieben Kindern gesegnet.

Damals, nun in Addis beheimatet, wurde ich in den neuen Kirchenvorstand gewählt. Unsere neu etablierte Gemeinde erhielt am 5. Juni 1968 eine neue Gemeindeordnung und wurde in die EVANGELISCHE GEMEINDE DEUTSCHER SPRACHE IN ÄTHIOPIEN umbenannt. Im Kirchenvorstand wurde ich als Laienvorsitzender berufen. Dieses Amt übte ich bis zum Verlassen des Landes 1989 aus.

Auf Pastor Graffam und den Kirchenvorstand kam eine Riesenarbeit zu.

Mit großer Hilfe von Präsident D. Adolf Wischmann vom Kirchenamt der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland), der uns häufiger besuchte, wurde auf dem Kirchengrundstück ein Pfarrhaus gebaut, dass für die große Familie der Graffams zugeschnitten war.

Uns alle berührte es, wenn wir in feinen Sonntagskleidern motorisiert zum Gottesdienst kamen, und dann auf die wenige Meter entfernten armen, im Schmutz lebenden Dörfler schauten. Wir mussten versuchen hier zu allererst zu helfen. Gesagt, getan. Es wurden Kleider gesammelt, besonders für die vielen Kinder. Tombolas und Second-Hand-Märkte wurden veranstaltet. Deutsche Firmen wurden zur Kasse gebeten, etc. etc., um Geld zu sammeln.

Die Gemeinde hatte sich sehr vergrößert. Als allererstes musste nun etwas für das an unser Compound grenzende Slumgebiet getan werden. Die Habeshas wohnten dort besonders in der großen Regenzeit unter unvorstellbaren Verhältnissen. Das Wasser, durchsetzt von Fäkalien, stand manchmal auf den unbefestigten, engen Gassen so hoch, dass es in die wenig geschützten Hütten lief. Es war immer wieder erstaunlich zu sehen, wie es möglich war, dass die Bewohner mit schneeweißen Schamas und Gabis diese Shats verließen. Unsere erste Aufgabe war hier sofort zu helfen. Unsere Gemeinde sammelte an allen Ecken und Kanten Gelder um eine Kanalisation zu bauen. Vor der nächsten großen Regenzeit hatten wir mit Hilfe der Dörfler in Eigenarbeit das Dorf trocken gelegt.

Nach dem Pfarrhausbau errichteten wir eine der ersten Fertighausbauten in Äthiopien, der Firma ECAFCO, als Gemeinderaum. Hier traf sich die Gemeinde bei einer Tasse Kaffee, (Deputat, grüner Kaffee an die Gemeinde von mir) nach der Kirche. Auch wurden hier die meisten Vorstandssitzungen abgehalten. Der vielen Armen im benachbarten Dorf Rechnung tragend, die keine medizinische Versorgung hatten, richteten wir ein Medical Center ein, das von einer Krankenschwester ehrenamtlich geführt wurde.

Eine der ersten und nötigsten Anschaffungen war die eines Duschhauses. Die große Krankenquote der kleinen Schulkinder war erschreckend. Meine Johanniter Kommende, der Provinz-Sächsischen Johanniter, bei denen ich bei einem Besuch in Deutschland einen Vortrag auf dem Rittertag hielt, sammelte für uns einen höheren Betrag, mit dem wir das Duschhaus und auch das Lehrer-Fort­bildung-Haus auf un­serem Grundstück bauen konnten.

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Skizze der Kirche von Süden

Pfarrer Bill Graffam und seine Frau hatten einen riesigen Job übernommen. Die Dorfältesten baten ihn, Kinder des Dorfes, deren Eltern so arm waren, dass sie die $ 2,- für die Äthiopische Schule nicht zahlen konnten, zu unterrichten. Um auch hier zu helfen, pachteten wir das Nachbargrundstück, er­rich­teten Tukuls in denen Frauen von Ge­meinde­gliedern Kinder der Ärmsten der Armen unterrichteten. Na­tür­lich konnten sie keinen Amharisch-Unterricht ge­ben. Wir beschlossen im KV einen äthiopischen Lehrer anzustellen.

Während des über 20 Jahre andauernden Krieges gegen Tigre und Eritrea und der ersten großen Hungersnot erreichten über geheime Pfade, die Hauptstraßen nach Addis Abeba waren abgesperrt, viele tausend Flüchtlinge aus dem Norden die Stadt. Sie schliefen unter den Sitzreihen des neu erbauten, aber von außen nicht zugebauten Stadions. Sie zogen mit ihren Kindern bettelnd durch die Stadt. Wir wussten über unsere Dörfler, dass viele Flüchtlinge in Höhlen und aufgegebenen Hausruinen am Entoto lebten. Wir versuchten zu helfen, indem besonders unsere Frauen zu diesen Unterkünften fuhren um Hilfe zu bringen und auch Kinder mit in die Kirchenschule zu integrieren.

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Skizze der Kirche von oben

Das größte Problem war die Finanzie­rung. Die­ses führte zur Grün­dung der Sozial­station und der Idee, diese und deren Arbeit über Patenschaften zu finanzieren. Wie wir heute nach 50 Jahren sehen können, war dieses der richtige Weg, der zur heutigen Kir­chen­schule führ­te, die aner­kannt und nach äthiopi­schem Lehr­plan über 1000 Schüler unterrich­tete.

Mit den Jahren wuchs und wuchs die Schule. Im Jahre 1974, im Jahre der ersten großen Hungerkatastrophe, nach Absetzung und Ermordung des Kaisers, hatten wir große Schwierigkeiten unser Sozialwerk weiter zu führen. Während der schleichenden Revolution wurde das Blindenwerk des Kaisers aufgelöst und viele blinde Menschen irrten bettelnd durch die Straßen von Addis Ababa.

Die Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache, der KV, entschied sich hier Hilfe zu leisten. Wir pachteten ein weiteres Grundstück dazu, bauten weitere Tukuls auf, schafften aus England Second-Hand-Webstühle an und unterrichteten blinde Äthiopier mit einer Fachkraft im Teppichweben und -knüpfen. Diese Teppiche wurden von uns verkauft und sogar ins Ausland exportiert. Unser Ziel war, die von uns ausgebildeten blinden Teppich­knüpfer an kleine Äthiopische Ge­schäfte, so genannte „small-scale-in­dustries“, weiter zu vermitteln, über die sie wieder in ein normales Leben integriert werden sollten. Die spätere kommunistische Regierung übernahm aber dieses Projekt und lies es auslaufen.

Eine besondere Novität führten wir noch ein. Da die Militärregierung unser Blindenwerk und das Grundstück, das wir dafür gepachtet hatten, über­nommen hatte, aber sich dann kaum noch um alles kümmerte, sahen wir wieder viele, besonders zum Betteln benutzte, blinde Kinder auf der Straße. Wir hatten erfahren, dass in Indien blinde Kinder an normalen Schulen mit eingeschult wurden. Wir sandten unseren Schuldirektor Ato Girma zu einer dieser Schulen nach Indien. Ato Girma kam enthusiastisch vom Gesehenen und der Erlebten Integration der blinden Kinder zurück. Seit dieser Zeit nehmen wir blinde Kinder, die meistens zum Betteln in der Stadt benutzt wurden, in der ersten Klasse unserer Schule auf. Für ihre Unterkunft sorgt meistens der Shikka – Schum unseres Dorfes.

Wir hatten während dieser Zeit als eine Westdeutsche Kirche, die zwar mit der Äthiopischen Mekane Yesus Church assoziiert war, sehr große Schwierigkeiten. Die MYC war von kommunisti­schen Kadern zeitweise stark unterwandert und versuchte auch bei uns Einfluss zu nehmen. Wir konnten dieses aber verhindern. Ich konnte bei der kommunistischen Regierung starken Einfluss nehmen, da ich in den vielen vergangenen Jahren den Qualitäts­kaffee, Washed Coffee, mit hohen Verkaufswert für Äthiopien aufgebaut hatte.

Besonders die Regierung war auf die Devisen dieses Kaffees stark angewiesen. Da die kommunistisch, mar­xistisch, leninistische Regierung alles Privateigentum verstaatlicht hatte, arbeitete ich weiter, auch als Berater für die Mengistu Regierung, die den Kaffee Export übernommen, aber keine Fachkräfte dafür hatte. Die Kaffeefirmen in Deutschland wollten aber nicht wie gewohnt Kaffee von der Regierungsfirma, die keine ausgebildeten Kaffee Experten hatte, abnehmen. Ich wollte nicht, dass meine Arbeit von vielen Jahren umsonst gewesen und kaputt geschlagen würde. So wurde ich freier Berater bei der kommunistischen Regierung. Heute Ist Deutschland der größte Abnehmer von äthiopischem Qualitätskaffee.

In den fast 30 Jahren, die ich mit meiner Frau und drei in Addis geborenen Töchtern, von denen zwei in der Kreuzkirche getauft und konfirmiert wurden, verbrachte, passierte natürlich viel bei der sich stets im Wechsel befindenden Gemeinde.

Ein ökumenisches Geschehen war das Zusammen­gehen mit der Katholischen Gemeinde. Ihr Kirchenältester Dr. Weithaler und ich waren eng befreundet. Als Ihr Pfarrer plötzlich das Land verließ, setzten wir uns, beide Kirchenvorstände, zusammen und erreichten - Hakim Weithaler über die Nuntiatur und Rom, wir über unser Außenamt - trotz vieler Gegenstimmen in unseren Vorständen, dass die katholische Gemeinde mit uns assoziieren konnte. Seit dem besuchen wir gemeinsam den Gottesdienst und wer möchte, auch das gemeinsame Abendmahl. Außerdem ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, dass ein Katholischer Pfarrer zwei- bis dreimal im Jahr für Amtshandlungen aus Nairobi oder Kairo, nach Addis Ababa kommt.

Nicht zu vergessen ist, dass unsere Frauen von Anfang an viele Arbeiten in der Gemeinde übernahmen. So trafen sie sich jeden Dienstag in der Woche um aus gespendeten Stoffen die jährlichen Schuluniformen zu nähen oder gespendete Kleider zu verteilen. Noch viele andere Arbeiten wurden von ihnen bewältigt. Zur Kaiserzeit wurden diese Arbeiten mit einem Empfang beim Kronprinzen gewürdigt.

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Das heutige Grundstück unserer Gemeinde

Ganz besonders möchte ich hervorheben, dass auf den Pastorenfrauen stets eine große Verantwortung lag und ein großes Arbeitspensum wartete. Sie haben stets den größten Teil der Verantwortung und Arbeit des Sozialwerkes übernommen. Aus diesem Grunde haben wir auch eingeführt, dass nach einer Neuausschreibung des Pastorenpostens für die Kreuzkirche das in Frage kommende Ehepaar auf Kosten der Gemeinde nach Addis fliegen konnte. Beide Seiten konnten so feststellen, ob sie sich zumuten wollten, miteinander diese hoch­verantwortliche Arbeit für sechs Vertragsjahre einzugehen. Es hat fast immer geklappt.

Jetzt zu unserem 50-jährigen Jubiläum möchte ich voller Stolz sagen, dass unsere „Gemeinde Deutscher Sprache in Äthiopien“ unsere „Kreuzkirche“ nicht nur in Äthiopien, sondern weltweit anerkannt ist. Sie gilt als vorbildliche Organisation für viele, besonders auch für hochrangige Besucher Äthiopiens. Unsere Kirche ist Anlaufpunkt, neben der Deutschen Botschaft, der Deutschen Botschaftsschule und dem Goethe Institut, für alle neu ankommenden Landsleute.

Unsere Kirche ist ein Beispiel dafür, was durch christlichen Einsatz, beharrliche Arbeit in guten und auch schlechten, ja gefährlichen Zeiten, möglich ist.

Friedrich Wilhelm Graf von der Recke von Volmerstein

Weitere Artikel zum Jubiläum der Gemeinde: TIK Oktober 2016 - Jubiläums - TIK

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